Übersetzerin, PR-Referentin, Autorin.
Im Osten geboren. Vom Norden geprägt. Im Westen studiert. Vom Süden geliebt. Der Kompass geht einmal rundherum.
Unendlicher Horizont für weite Perspektiven
Ich bin in Rostock geboren, ein waschechtes Ostseekind. Wer von hier kommt, weiß, was das heißt. Salzwasser in den Adern, Wind im Haar, Gischt im Gesicht. Und eben ein Blick bis zum Horizont, dessen Weite den Blick für das große Ganze schult.
Ich besuche mein Meer, so oft es geht, am liebsten im Herbst und Winter, im Sturm. Immer eine geliebte und liebende Hand in der meinen. Die meiner Mutter, meines Vaters. Später die meines Mannes. Dann die meines Sohnes, dann die meiner Tochter. Und bald schon die meines Enkelkindes. Für all diese Hände an diesem Ort gibt nur ein einziges Wort: Dankbarkeit.
Das Norddeutschsein prägt mich in jeder Zelle. Um jedem Klischee zu huldigen, bringe ich es bis heute nicht zustande, einen entspannten Smalltalk zu gestalten. Und ich bin immerhin Mitte Fünfzig! Aber meine Gedanken sind widerspenstig, gesprochen sind sie ungelenk, lade ich sie zum Schreiben ein, sind sie bereit zu fließen. Kann sein, dass sie das von der zweitliebsten Beschäftigung meiner Kindheit gelernt haben. Nach dem Toben am Meer kam der Abend vor dem Buch. Oft mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Bootsmann auf der Scholle lehrte mich Tierliebe, die bis heute nicht vergangen ist. Anna Karenina machte mich zur Feministin und Die Waffen nieder zur Pazifistin.
All’ diese edlen „Istinnen“ in mir haben im Laufe der Jahre Beulen, Schrammen und Glaubenskrisen erfahren. Sie haben geheult und geflucht, haben Haare gelassen, und doch leben sie trotzig fort, lassen mich mit Sorge auf die Gesellschaft blicken, in der wir leben.
Sie bestimmen die Themen meiner Texte, stellen das menschliche Miteinander infrage, wollen Antworten – oder zumindest Fragen stellen. Wenn das gelingt, ist mein Schreiben geglückt.
Berge für den Fokus
Es gibt Dinge, die sind nicht berechenbar. Liebe zum Beispiel. Wer weiß schon, wann sie kommt, woher sie kommt, wohin sie geht. In meinem Fall fand ich mich eines Tages am Rande eines winzigen Balkandorfes wieder. Die Kronen der Bäume rauschten, mein Blick umfing endlose Bergketten mit sattem Grün, um meine Schulter lag ein Arm, der richtige. Ich bin dortgeblieben. In Teilzeit, denn ganz ohne Ostsee – wer könnte das.
Das Land ist arm, politisch unstet, wer kann, geht weg. Trotzdem haben wir seit zwanzig Jahren eine Liebesbeziehung, dieses Land und ich. Denn es ist vor allem ein ehrliches, unmaskiertes. Ich habe seine Sprache gelernt und mit seinen Menschen geredet. Ihre Sorgen, ihr Glück, ihre Wärme erfahren. Habe Kriegswunden gesehen. Auf Straßen, in Augen, in Seelen. Ich kenne ihre Lieder, ihre Tänze, ihr unglaubliches Talent zum Glücklichsein. Die Berge lehren mich, Naturgewalten zu verstehen und den Blick auf das Wichtigste zu fokussieren. Was für ein Geschenk. Bosnien ist ein Teil von mir geworden und das schlägt sich in meinen Texten nieder. Mal schleicht sich die Melancholie der Berge ein, mal die ungezähmte Sucht nach Leben. Bald schon wird es eine Sammlung kurzer Geschichten geben über unsere Liaison. Auch, wenn der Mann, dessen Hand ich noch immer und für immer halte, eigentlich Kroate ist. Es ist kompliziert. Liebe eben.
Natürlich lese ich die Literatur des Landes und seiner jugoslawischen Ex-Geschwister, deren Kultur so eng miteinander verflochten ist. Auf meinem Lesetisch liegen zum Beispiel Ivo Andrićs großes Werk Die Brücke über die Drina, alles, was Sascha Stanšsić schreibt, das Buch Ein schönes Ausländerkind einer Autorin mit dem wohlfeilen Namen Toxische Pommes (Ich feiere diesen Text!). Alles hilft, zu verstehen. Anders zu denken. Anders zu fragen.
Ungezähmtes Chaos der Großstadt
Es ist das Meer, das mir Heimat gibt. Die Berge, die ich lieben darf. Aber Menschen sind nicht so simpel. Dass sie nur am Strand wären. Oder nur unter Bäumen. Menschen sind auch in Städten zu Hause. In kleinen, mittleren oder eben ganz großen, wie in Berlin.
Irgendwann packte der Sog der Hauptstadt auch mich am Schopf. Zog mich zu Lesungen, Konzerten. In den Botanischen Garten, an den Müggelsee, an die Tische von Freundinnen und Freunden.
Seit April 2026 bin ich also Berlinerin. Natürlich habe ich mich am Rande niedergelassen. Gleich neben einem Radweg, der direkt in den Wald führt. Nach ein paar Kilometern zu Brandenburgs Seen. Aber eben auch, wenn man die Richtung ändert, in das charmante Durcheinander der Großstadt.
Berlin macht alles mit mir. Es erschreckt mich mit seiner Armut, dem Gestank, dem Dreck. Es macht mich glücklich mit seiner Vielfalt, dem lockeren Umgang miteinander. Dem guten Essen, den vielen Sprachen, dem wunderbar heterogenen Bildungsangebot.
Geschichten, wo man geht und steht. Voller Gegensätze. Mit einem Chaos, das sich nicht zähmen lässt. Vielleicht ist das die Magie dieser Stadt.